Schilddrüsenerkrankungen im höheren Lebensalter | chirurgische praxis Band: 83

Zusammenfassung: Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich für Frauen und Männer in den letzten hundert Jahren nahezu verdoppelt. Es existieren zwar Studien zum Thema Schilddrüsenerkrankungen im höheren Lebensalter, jedoch wird in diesen Studien meist von Menschen im Alter zwischen 65 und 75 Jahren gesprochen, wohingegen Daten für über 75-Jährige rar sind. Welcher Art Schilddrüsenfunktionsstörungen im Alter sind, hängt unter anderem von der Jodversorgung des Landes ab, in dem man lebt. Während hyperthyreote Schilddrüsenfunktionsstörungen in Ländern mit unzureichender Jodversorgung eine wesentliche Rolle spielen, sind es die Hypothyreosen, die sich in Ländern mit ausreichender Jodversorgung bei älteren Menschen entwickeln. Schilddrüsenfunktionsstörungen präsentieren sich hinsichtlich ihrer klinischen Symptomatik bei älteren Menschen häufig anders als bei jüngeren und können sowohl im Fall einer Hypowie auch einer Hyperthyreose relativ symptomarm verlaufen. In Folge einer Hypothyreose kann es bei älteren Menschen zu Veränderungen des Lipidprofils mit gesteigertem Atherosklerose-Risiko, kardialen Funktionsstörungen und neurophysiologischen Veränderungen kommen. Die Therapie der Altershypothyreose besteht in einem langsamen Ausgleich erhöhter TSH-Werte unter Beachtung der klinischen Symptomatik und der Schilddrüsenfunktion. Mögliche Folgeerkrankungen einer Altershyperthyreose sind vermehrte Gebrechlichkeit, kardiale Arrhythmien sowie die Ausbildung einer Herzinsuffizienz. Insbesondere deutlich erniedrigte TSH-Werte sind bei alten Menschen mit vorbestehender Herzerkrankung mit erhöhter Mortalität verbunden und sollten definitiv behandelt werden. Therapeutisch stehen sowohl eine thyreostatische Therapie, die Radiojodtherapie und die Schilddrüsenoperation zur Verfügung, die aufgrund verbesserter Narkoseverfahren sowie eines optimierten perioperativen Managements auch bei alten Menschen durchgeführt werden kann. Während man früher davon ausging, dass eine Schilddrüsenunterfunktion bei älteren Menschen mit einer Einschränkung der kognitiven Funktion bzw. einer Zunahme der Demenz verbunden ist, sind es offensichtlich die hyperthyreoten Funktionszustände, die hier eine führende Rolle spielen. Obwohl mit zunehmendem Lebensalter eine steigende Prävalenz für Schilddrüsenknoten zu verzeichnen ist, nimmt die Neuerkrankungsrate an Schilddrüsenmalignomen mit dem Alter ab. Ein generelles Screening auf Schilddrüsenknoten bei älteren Menschen wird derzeit nicht empfohlen, wobei vorbekannte auffällige knotige Schilddrüsenbefunde auch bei älteren Menschen sonografisch kontrolliert und bei begründetem Tumorverdacht einer Feinnadelpunktionsdiagnostik zugeführt werden sollten.

Autoren: K.-D. Palitzsch
Weitere Informationen: Benachbarte Gebiete, Mediengruppe Oberfranken, Schilddrüsenerkrankung, Hypothyreose, Hyperthyreose, Thyroidea stimulierendes Hormon (TSH), Schilddrüsenkarzinom, Alter
ISSN: 0009-4846
Institut: Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Angiologie und Innere Medizin, Notfallzentrum am Klinikum Neuperlach, Städtisches Klinikum München