NSAR bei akuten Atemwegsinfekten: eine schlechte Idee | chirurgische praxis Band: 83

Hintergrund: Bereits seit Längerem ist bekannt, dass akute Atemwegsinfekte einen Herzinfarkt oder Schlaganfall triggern können [1]. In mehreren Beobachtungsstudien ist kurz nach einem akuten Atemwegsinfekt ein um den Faktor 25 erhöhtes Risiko für akute Myokardinfarkte, Schlaganfälle und Thromboembolien beschrieben worden [2–4]. Zudem gibt es umfangreiche Daten aus Beobachtungs- und randomisierten Interventionsstudien, die das wirkstoffspezifische kardiovaskuläre Risikopotenzial der verschiedenen nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) belegen [5–7]. Besonders gut dokumentiert ist der Zusammenhang zwischen NSAR-Einnahme und der akuten Herzinsuffizienz [8]: So ist die NSAR-Anwendung innerhalb der vergangenen 14 Tage mit einem dosisabhängig um bis zu 19 % erhöhten Risiko für die Hospitalisierung aufgrund einer akuten Herzinsuffizienz assoziiert [9]. Bei der Bewertung dieser Zahlen ist jedoch Vorsicht geboten, da die Angabe relativer Risiken keine Aussage darüber erlaubt, wie groß die individuelle Gefahr tatsächlich ist (»number needed to harm«). Ebenso gehört beispielsweise Celecoxib (auch in höheren Dosierungen) zu den eher sicheren NSAR bei Patienten mit Herzinsuffizienz, wobei in den entsprechenden Analysen in der Regel die Risiken für Herzinfarkt und Schlaganfall nicht berücksichtigt sind. Durch die entsprechend begründete Marktrücknahme von Rofecoxib im Jahr 2004 ist der Zusammenhang von Coxiben und Kardiotoxizität insbesondere für die selektiven COX-2-Hemmer im Gedächtnis geblieben. Fakt ist jedoch, dass von diesen unerwünschten kardiovaskulären Wirkungen nicht nur die Coxibe, sondern auch andere NSAR betroffen sind, u. a. die weit verbreiteten Substanzen Diclofenac und Ibuprofen [10]. In einer aktuellen Studie im Case-Crossover-Design, die im Journal of Infectious Diseases erschienen ist, wurde die Frage untersucht, ob sich aus der Kombination der bekannten kardiovaskulären Risikofaktoren »akuter Atemwegsinfekt« und »NSAR-Therapie« möglicherweise ein (kumulativ) erhöhtes Risiko ergibt [11]. Diese Fragestellung erscheint überaus praxisrelevant, da viele Patienten bei grippalen Infekten zur Symptomlinderung die weit verbreiteten und freiverkäuflichen NSAR als vermeintlich unbedenkliche »Erkältungsmittel« anwenden. Auch in verschiedenen Kombinationspräparaten mit Indikationen wie »Erkältungsschmerzen« oder »Schnupfen« sind NSAR (meist Ibuprofen) enthalten.

Autoren: M. Smollich
Weitere Informationen: Arzneimittel-, Therapie-Kritik, Mediengruppe Oberfranken, NSAR, akute Atemwegsinfektion
ISSN: 0009-4846
Institut: Klinische Pharmakologie und Pharmakonutrition, praxisHochschule Rheine