Cannabinoide in der Therapie der Tumorkachexie | chirurgische praxis Band: 83

Zusammenfassung: Cannabinoide, Cannabinoidextrakte und Delta 9-Tetrahydrocannabinol (THC) sowie deren synthetische Produkte werden seit 40 Jahren zur Behandlung des Wasting-/Auszehr-Syndroms bei AIDS-Patienten genutzt. Sie führen neben der Schmerzreduktion und der Behandlung von Übelkeit bei manchen Patienten auch zu einer Zunahme des Körpergewichtes. Grund ist der Cannabinoid-Rezeptor-1 aus dem Gehirn und ZNS, der, wenn aktiviert, zur verstärkten Nahrungsaufnahme führt. Es handelt sich aber auch nicht um eine Zunahme der Magerkörpermasse (Lean Body Mass). Kann diese Substanzgruppe auch zur Behandlung der Tumorkachexie evident eingesetzt werden? Die Tumorkachexie, die neben der Mangelernährung, der Anorexie auch eine gesteigerte Inflammation beinhaltet, wird durch vom Tumor produzierte Zytokine verursacht. Sie sollte frühzeitig erkannt werden, denn nur im Frühstadium kann man sie mit einem multimodalen Therapiekonzept beeinflussen. Für die Tumorkachexie existieren nur wenige randomisierte Studien, die mit meist kleinen Patientenzahlen eine geringe Gewichtszunahme für Cannabinoide speziell für THC zeigten. Dagegen hatten Tumorpatienten mit Kachexie in 2 größeren randomisierten Studien im Vergleich zu Megestrolacetat bzw. Placebo weniger bzw. gleich häufig und viel Gewicht zugenommen. Zusammenfassend kann keine generelle Empfehlung zum Einsatz dieser Substanzen zur Behandlung der Tumorkachexie gegeben werden. Unter Beachtung der ausgeprägten und häufigen Nebenwirkungen und Interaktionen mit anderen wichtigen Medikamenten kann zur Steigerung des Hungers ein kurzzeitiger Behandlungsversuch (2–4 Wochen) mit 5 mg/Tag, steigernd bis maximal 20 mg/Tag, versucht werden.

Autoren: H. Bertz
Weitere Informationen: Arzneimittel-, Therapie-Kritik, Mediengruppe Oberfranken, Cannabinoide, Tumorkachexie, Appetitsteigerung, THC
ISSN: 0009-4846
Institut: Klinik für Innere Medizin I, Klinik für Tumorbiologie, Universitätsklinikum Freiburg