internistische praxis

Jahr: 2016 - Band: 56 - Heft: 4 - Startseite: 771

Der medizinische Sachverständige – ein Richter in weißer Robe?

Autoren: G. H. Schlund

Einleitung

Wer wollte eigentlich Zweifel an der provokanten These äußern, dass in weitaus der Mehrzahl gerichtlicher Verfahren der in einer Spezialmaterie – etwa einer atomrechtlichen Genehmigung, einem größeren Bauschaden, einem komplizierten Verkehrsunfallgeschehen oder aber auch einem Arzthaftungsverfahren im zivil- wie im strafrechtlichen Bereich – in aller Regel unbewanderter Richter dem von ihm beauftragten Sachverständigen und dessen Gutachtenergebnis fast unbesehen glaubt und zur Grundlage seiner Entscheidung macht. Denn je komplexer das vom Gericht zu entscheidende Verfahren ist, desto eher besteht die »Gefahr«, dass der Richter sich dem Gutachter und dem von ihm gefundenen Ergebnis »beugt« und dieses »vollinhaltlich« übernimmt. Was soll er auch sonst machen? Nur wenn ihn das Gutachten nicht überzeugt, wird er ein weiteres anfordern. Dies gilt zudem und vor allem auch im Bereich der Medizin, in dem es auf nicht wenigen (Teil-)Gebieten derzeit in 3 – 5 Jahren zu einer Verdoppelung des Wissens und der Technik kommt und der Fortschritt sich immer rasanter entwickelt. Da sind dann schon echte Kapazitäten aufgerufen, die diese Entwicklung und diesen Fortschritt fest »im Griff« haben und dem »Laien« in der Gestalt eines Richters stichhaltige gutachterliche Erkenntnisse mit auf den Entscheidungsweg geben. Gemäß Art 20, 92 und 97 GG ist und bleibt der Richter »Herr seines Verfahrens« und seiner eigenen Entscheidung. Die ihm obliegende Rechtsfindung darf damit nicht durch den gerichtlich beauftragten medizinischen Sachverständigen erfolgen, denn dieser ist kein »Ersatzrichter«, kein »heimlicher Herr des Gerichtsverfahrens« und auch kein »Richter in weißer Robe«.