internistische praxis

Jahr: 2016 - Band: 57 - Heft: 1 - Startseite: 121

Die gesundheitliche Lage von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Autoren: A. Rommel, U. Ellert

Zusammenfassung

2014 lebten 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (MMH) in Deutschland. MMH sind eine heterogene Bevölkerungsgruppe mit spezifischen Risiken und Ressourcen. Aufgrund der Verhältnisse in den Herkunftsländern tragen MMH ein teilweise höheres Erkrankungsrisiko z.B. für Tuberkulose, Hepatitis B oder HIV. Asylsuchende sind bzgl. Infektionserkrankungen aufgrund der Unterbringung in Sammelunterkünften eine vulnerable Gruppe. Ein erhöhtes Risiko für die Allgemeinbevölkerung geht von ihnen nach derzeitigem Stand nicht aus. Zu nichtübertragbaren Erkrankungen bei MMH liegen nur lückenhaft Informationen vor. Studien legen für Teilgruppen geringere Erkrankungsraten für Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahe. Bei einer insgesamt heterogenen Befundlage gibt es Hinweise auf höhere Prävalenzen für Depressionen unter MMH. Beim Gesundheitsverhalten verweisen einige Studien auf einen geringeren Alkohol- und Drogenkonsum aber auch auf eine teilweise ungesündere Ernährung. Die Rauchquoten sind bei Männern mit Migrationshintergrund in einigen Gruppen erhöht. Einiges spricht dafür, dass sich Verhaltensweisen in der zweiten Zuwanderergeneration verändern: Ungesündere Ernährungsgewohnheiten treten tendenziell stärker bei in Deutschland geborenen MMH hervor. Auch bei Alkohol, Tabak, illegalen Drogen und pathologischem Spielen deuten sich bei in Deutschland geborenen MMH eher riskante Verhaltensmuster an als bei Menschen der ersten Zuwanderergeneration. MMH benötigen spezifische Aufklärung zu Infektionserkrankungen und Impfungen aber auch zu Risikofaktoren und Ressourcen. Zudem können Informationen über vorhandene Versorgungsangebote wie auch die Ausrichtung der Versorgung an den Bedarfen von MMH geeignet sein, Inanspruchnahme und Behandlungsqualität zu verbessern.